Milchfieber kennt jeder – und auch wenn es nach wie vor zu viele Kühe gibt, die nach dem Kalben festliegen, so ist doch das Vorkommen des klinischen Milchfiebers durch verbesserte Fütterung in der Transitperiode und wirksame Vorbeugemaßnahmen in den letzten Jahren zurückgegangen.

Trotzdem: Gerade ältere Kühe haben ein hohes Risiko nach der Kalbung festzuliegen, in der 3. Laktation sind es etwa 6%, ab der 4. Laktation sogar 16%.

QUICK READ:

  • Milchfieber (Hypocalcämie) bedeutet ein Mangel an Calcium, der insbesondere aus einer verminderten Verfügbarkeit resultiert
  • Der Bedarf an Calcium erhöht sich bei der Kalbung schlagartig um das Drei- bis Vierfache
  • Über 40% der Milchviehbetriebe haben keine Strategie gegen Milchfieber

Der Fachausdruck für Milchfieber ist „Hypocalcämie“, es bedeutet also „Mangel an Calcium“. Calcium ist aber ein Mengenelement und kommt im Körper, z.B. in den Knochen in großen Mengen vor. Es geht also darum, dass Calcium vorhanden, für die Kuh aber nicht verfügbar ist. Während die Kuh in der späten Trächtigkeit für sich selbst und vor allem das Kalb nur knapp 10g Calcium pro Tag benötigt, steigt mit der Kalbung und dem Milcheinschuss dieser Bedarf schlagartig um das Drei- bis Vierfache an. Während die Kuh also vor der Kalbung eher Calcium ausgeschieden oder in die Knochen eingelagert hatte, muss sie „von jetzt auf gleich“ das Element aus der Nahrung aufnehmen oder aus den Knochen freisetzen; bei jeder Kuh sinkt darum der Calciumgehalt im Blut um die Kalbung stark ab, einige Kühe können dies nicht mehr kompensieren und Milchfieber ist die Folge (siehe Abbildung nebenstehend).

Das sichtbare, klinische Milchfieber ist hierbei nur die Spitze des Eisberges – subklinisches Milchfieber betrifft in der 2. Laktation bereits fast 30% der Kühe, ab der 4. Laktation sogar über 60%. Diese stehen zwar noch, aber verfügen trotzdem über zu wenig Calcium und laufen oder stehen daher ungern auf, fressen anders und haben eine reduzierte Abwehrkraft, denn: Calcium ist an fast allen wichtigen Körperfunktionen beteiligt. Die Muskelaktivität ist darum nicht nur bei der Bewegung verringert, sondern auch in der so wichtigen Organmuskulatur, beispielsweise im Labmagen. Die Abwehrzellen funktionieren ebenfalls nur mit ausreichend Calcium – fehlt dies, können Infektionen, z.B. in der Gebärmutter nach der Kalbung, nicht optimal bekämpft werden. Die Probleme der Milchkuh wie Labmagenverlagerung, Ketose oder Gebärmutterentzündung hängen daher ganz wesentlich mit dem Calciumspiegel der frisch abgekalbten Kuh zusammen. Am Ende steht natürlich immer eine reduzierte Fruchtbarkeit, weniger Milch und nicht selten ein vorzeitiger Abgang.

• = klinisch gesund  ο = klinisches Milchfieber

Kimura et al., 2006

Für den Betrieb stellt sich daher die Aufgabe, das klinische genauso wie das subklinische Milchfieber aktiv zu vermeiden. Eine gute Fütterung der Trockensteher mit wenig Calcium und wenig Kalium ist dabei am wichtigsten, dies kann ggf. durch die bekannten „Sauren Salze“ oder Calciumbinder erreicht werden. Auch ist es in aller Regel wirtschaftlich, den Calciumhaushalt der Kuh nach der Kalbung zu unterstützen. Die Präparate, die den Calciumspiegel über die Senke tragen, stehen zur Verfügung. Allerdings kam eine Untersuchung der Freien Universität Berlin aus dem Jahre 2017 zu dem Schluss, dass über 40% der untersuchten Milchviehbetriebe keine Strategie gegen Milchfieber haben.

Das Problem ist also bekannt, die Lösungen gibt es auch – im Interesse der Kühe (und des Betriebsergebnisses) kann jeder Betrieb so eine Strategie entwickeln!

 

Text verfasst von Dr. Joachim Lübbo Kleen, Fachtierarzt für Rinder